„Kurz stillhalten, bitte“

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 Unser Bild zeigt das Ehepaar Mina und Emanuel Israel. (Foto: Karl Weiß)

Buchen gedenkt seiner verschleppten und ermordeten Bürger

Buchen.  (pm) Heute vor genau 80 Jahren wurden die letzten noch in ihrer Heimat verbliebenen badischen Juden ins südfranzösische Gurs deportiert. Dieser Weg, den auch 20 Buchenerinnen und Buchener jüdischen Glaubens gehen mussten, führte für die meisten von ihnen direkt oder über Umwege in andere Konzentrationslager in den Tod. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten lebten sie ein ganz normales Leben, in guter Nachbarschaft mit ihren christlichen Mitbürgern. Wie normal dieses Leben war, das lässt sich erahnen bei der Betrachtung der Porträtfotografien von Karl Weiß, die in den 1920-er und 1930-er Jahren entstanden sind.

Mit viel Aufwand und fachkundiger Beratung wurden vom Verein Bezirksmuseum Buchen sowohl eine Begleitpublikation in der Zeitschrift „Der Wartturm“ erstellt als auch eine Ausstellung mit dem Titel „Kurz stillhalten, bitte“ konzipiert, die diese Fotografien jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger in Texten, Grafiken und Bildern in einen historischen Kontext stellt. Maßgeblich beteiligt waren außer der Vorstandschaft um Dr. Wolfgang Hauck die Judaistin und Historikerin Dr. Rebecca Denz, Tilmann Gempp-Friedrich, Rainer Handwerk und Tobias-Jan Kohler auch die Werbeagentur SchreiberGrimm, namentlich Matthias Grimm, der seit Jahren unentgeltlich für das Layout und den Druck des Wartturms verantwortlich zeichnet.

Die für den Jahrestag geplante Ausstellungseröffnung muss coronabedingt leider ausfallen; Bürgermeister Roland Burger will diesen besonderen Tag aber nicht ohne Gedenken verstreichen lassen und schreibt in einem Grußwort: „Kurz stillhalten, bitte“ – dieser Titel ist in mehrfacher Hinsicht passend. Karl Weiß mag diesen Satz immer und immer wieder in Ausübung seiner meisterlichen fotografischen Tätigkeit wiederholt haben.

In einer Zeit, in der unsere Demokratie nicht unangefochten ist, in der autoritäres, sogar völkisches Denken neue Verführungskraft entfaltet, sollten auch wir diesen Satz gebrauchen all jenen gegenüber, die immer offener kundtun, dass endlich ein Schlussstrich gezogen werden müsste. Die die monströsen Taten im Dritten Reich als „Vogelschiss in der Geschichte“ relativieren oder gleich ganz leugnen. Bei denen Antisemitismus und Rassenhass als „Recht auf freie Meinungsäußerung“ salonfähig geworden sind.

Diese Menschen, die mittlerweile in allen Gesellschaftsschichten und auch hier in Buchen vertreten sind, sollten ebenfalls „kurz stillhalten“ und sich diese Fotografien betrachten, die Lebensläufe und Hintergrundinformationen lesen. Denn hier werden dem Grauen nicht nur abstrakte Namen und Angaben zu Alter, Geschlecht und Familienstand, sondern auch Gesichter und Geschichten gegeben. Buchener Gesichter und Geschichten, die sich nicht unterscheiden von den Familien christlichen Glaubens.

Menschen, die in dieser Zeit ganz selbstverständlich und in guter Gemeinschaft mit ihren christlichen Nachbarn gelebt haben. Der berühmte Jakob Mayer steht hier beispielhaft für alle anderen, von denen uns weniger bekannt ist. Dann wird vielleicht klar: Diese Menschen und der völlig willkürliche Mord an ihnen und Millionen anderen war real. Und: Es kann jeden treffen. Damals Juden und andere Minderheiten. Heute wieder Juden, außerdem Moslems, missliebige Vertreter des Staates wie Regierungspräsident Walter Lübcke und zudem Geflüchtete im Allgemeinen. Und morgen?

„Wenn es schon unmöglich ist zu verstehen, so ist doch das Wissen notwendig“ – Primo Levi, ein Überlebender des Holocaust, hat diesen Satz gesagt. Denn nur das Wissen und das Erinnern kann verhindern, dass sich ein ähnliches Grauen wiederholt. Dafür liegt die Verantwortung nicht bei einigen wenigen. Sie liegt bei uns allen. Ich zitiere unseren Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der kürzlich bei einer Gedenkfeier gesagt hat: „Deshalb ist es wichtig, dass wir keinen Schlussstrich ziehen und nicht zurückfallen in das alte Verdrängen. Nicht die Erinnerung an die Vergangenheit ist eine Last. Zur Last wird sie, wenn wir sie leugnen.“

Der zeitgeschichtliche Schatz der Weißschen Fotografien, versammelt in der wunderbaren Ausstellung in unserem Bezirksmuseum anlässlich des 80. Jahrestags der Deportation badischer und damit auch Buchener jüdischer Bürgerinnen und Bürger ist ein wichtiger Baustein für diese immerwährende Aufgabe der Erinnerung. Als Bürgermeister danke ich: „Möge diese Ausgabe und die Ausstellung eine ganz große Resonanz erfahren!“

Ein Besuch der Ausstellung ist zu den regulären Öffnungszeiten sonn- und feiertags von 14 bis 17 Uhr möglich.

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