Eine bewegende Klezmer-Sternstunde

Mann spielt Klarinette und Frau spielt Harfe auf Bühne.
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(Foto: Michael Pohl)

Eine magische Symbiose aus Klarinette und Harfe

Von Martin Hammer

Osterburken. Helmut Eisel und Birke Falkenroth verzaubern das Publikum der Kulturkommode Osterburken mit einem grandiosen Konzertabend

Wenn das Schicksal kurz vor dem Konzert die Karten völlig neu mischt, braucht es Mut, Flexibilität und vor allem ein gewisses Maß an Vertrauen und Offenheit zwischen den Akteuren auf und vor der Bühne. Das Publikum der Kulturkommode Osterburken durfte erleben, wie aus einer kurzfristigen Notlage ein unvergesslicher Sternstunden-Abend erwachsen kann.

Eigentlich war das Konzert schon lange im Voraus als Trio-Abend mit der Kultformation Helmut Eisel & JEM angekündigt. Doch nur ein Tag vor dem Auftritt erkrankte der Gitarrist. Da auf die Schnelle kein adäquater Ersatzmusiker einspringen konnte, standen die Verantwortlichen der Kulturkommode vor einer Entscheidung, die am Ende allerdings nicht wirklich schwerfiel.

In Absprache mit den betroffenen Künstlern wurde kurzerhand umgeplant. Anstelle des vorgesehenen Trios betrat der Klarinettist in einer Formation die Bühne der Baulandhalle, die noch kurz zuvor so niemand auf dem Zettel hatte: Helmut Eisel im Duo mit der Ausnahmeharfenistin Birke Falkenroth.

Wer nun dachte, hier würde ein Verlegenheitsprogramm präsentiert, sah sich schnell eines Besseren belehrt. Eisel und Falkenroth zeigten sich vom ersten Ton an als ein derart harmonisches Team, dass man sofort spürte: Dieses Duo kennt sich bestens und ist in der Lage, auch so kurzfristig eine mitreißende und zu Herzen gehende Performance abzuliefern.

Die Kombination aus der seelenvollen, mal weinenden, mal jubelnden Klarinette Eisels und dem filigranen, orchestralen Fundament von Birke Falkenroths Harfe entfaltete im Saal eine ganz eigene, faszinierende Dynamik.

Die Zusammenarbeit der Beiden entstand vor etwa sieben Jahren aus dem tiefen Wunsch heraus, scheinbare musikalische Gegensätze zu verschmelzen. Helmut Eisel, der international vor allem für seine leidenschaftliche, improvisationsreiche Klezmermusik und seine „sprechende Klarinette“ bekannt ist, suchte nach einer neuen kammermusikalischen Herausforderung und fand in Birke Falkenroth das ideale Gegenüber. Die Harfenistin bringt die klassisch ausgebildete Virtuosität mit, besitzt aber gleichzeitig die Offenheit, ihr Instrument auch jenseits traditioneller Grenzen einzusetzen.

Falkenroth erwies sich deshalb auch an diesem ganz besonderen Abend nicht nur als feinfühlige Begleiterin, sondern als absolut gleichwertige Dialogpartnerin. Mit einer faszinierenden Leichtigkeit wob sie dichte Klangteppiche, fing Eisels furiose, improvisierte Ausbrüche mühelos auf und setzte mit präzisem Rhythmusgefühl Akzente, nicht zuletzt, indem sie ihr Instrument teilweise fast perkussiv behandelte. Mit spektakulären Solo-Einlagen – wie etwa der Darbietung des herausfordernden „Baroque Flamenco“ – versetzte Birke Falkenroth das Publikum ein ums andere Mal ins Staunen.

Helmut Eisel wiederum nutzte den intimen Rahmen des Duos für ein dynamisches Spiel der Extreme. Seine Klarinette flüsterte, schluchzte, lachte und flirtete schamlos mit den glasklaren Läufen der Harfe. Ob melancholische, tief zu Herzen gehende Klezmer-Weisen oder temporeiche, jazzig angehauchte Klangexplosionen – das Zusammenspiel der beiden Musiker war geprägt von einem faszinierenden, blinden Verständnis und einer tiefen, ansteckenden Spielfreude. Es war rundum ein musikalischer Hochgenuss, der das Publikum von der ersten Minute an in seinen Bann zog und spürbar nicht wieder losließ.

Faszinierend gerieten auch jene Momente, in denen das Duo sich, jenseits traditioneller Stücke und Helmut Eisels sehr persönlicher und emotionsgeladener Eigenkompositionen, besonderer Musikliteratur zuwandte – so beispielsweise klassisch verarbeitete jüdische Weisen von Ernest Bloch oder spätromantische Klanggemälde von Max Bruch.

Diese anspruchsvollen Werke, meisterhaft von Eisel selbst für die außergewöhnliche Instrumentenkombination aus Harfe und Klarinette arrangiert, offenbarten eine tiefe Melancholie und Reife. Wo sonst ein ganzes Orchester oder ein Klavier den Teppich legt, entfaltete sich durch Falkenroths feinsinniges Saitenspiel ein transparenter, fast schwebender Raum, in den sich Eisels Klarinette mit angemessener Intensität hineinzuweben vermochte.

Am Ende dieses rundum grandiosen, ja beinahe schon magischen Abends hielt es niemanden mehr auf den Stühlen. Mit Standing Ovations feierte das sichtlich bewegte Osterburkener Publikum zwei Ausnahmekünstler, die bewiesen haben, dass die schönsten und denkwürdigsten Momente der Kultur oft genau dann entstehen, wenn man sich auf das Unerwartete einlässt.

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