Liebe, Partnerschaft, Sexualität behinderter Menschen

22.01.10

Fachtagung der Johannes-Anstalten Mosbach greift kontroverse Ansichten auf

Zwischen Erfahrungen und Wertorientierungen bewegten sich die Ausführungen bei der Fachtagung „Liebe macht schön …“, (v.l.) Volker Schmidt, Ralf Specht, Richard Lallathin, Brigitte Huber und Reinhard Adler. (Foto: D. Adler)

Mosbach. (da) „Sexualität ist in Einrichtungen der Behindertenhilfe kein Tabuthema mehr.“ Mit dieser These sollten sich die etwa 100 Teilnehmenden an der Fachtagung „Liebe macht schön …“ der Johannes-Anstalten Mosbach zum Thema „Sexualität bei Menschen mit Lernschwierigkeiten“ (eine neue Sprachregelung für „Menschen mit Behinderung“) am 15. Januar in der Mosbacher Johanneskirche auseinander setzen. Die sofort einsetzenden Diskussionen deuteten darauf hin, dass es in Einrichtungen der Behindertenhilfe nach wie vor Gesprächsbedarf über Liebe, Partnerschaft und Sexualität von Menschen mit Behinderung gibt. Ausführungen zum Thema waren den Diskussionen in Workshops über weitere polarisierende Ansichten vorangegangen.


„Der Umgang mit Liebe, Erotik und Sexualität war und ist nicht immer so  offen und positiv wie im Hohelied der Bibel“, eröffnete Pfarrer Richard Lallathin die Fachtagung. Die Verständigung darüber bleibe notwendig, wie es Fachkräfte, Eltern und Angehörige mit dem Wunsch von Menschen mit Behinderung, ihre Liebe zu leben, hielten. Lallathin wies auf die sexualpädagogische Grundorientierung der Johannes-Anstalten hin, die Mitarbeitenden bei betreffenden Fragen Hilfe und Leitlinien an die Hand geben soll.

„Schwer getan“ mit diesem „sensiblen Thema“ hätten sich die Johannes-Anstalten wie andere Einrichtungen auch, und es habe „fetzige Diskussionen“ gegeben, so Reinhard Adler, Geschäftsführer der Johannes-Anstalten. Das diakonische Unternehmen fördere das Selbstbestimmungsrecht und die Eigenverantwortlichkeit der Menschen mit Behinderung. Dies habe auch die Auseinandersetzung mit deren Bedürfnis nach Liebe, Partnerschaft und Sexualität erforderlich gemacht. Wenngleich er hinter der sexualpädagogischen Grundorientierung stehe, stellte Adler die Frage: „Wo sind die moralischen Grenzen unseres Tuns und unserer christlich-diakonischen Grundsätze?“ Innerhalb der Johannes-Anstalten werde aktive Sexualhilfe nicht unterstützt, sondern nur passive Sexualhilfe gegeben („Hilfe zur Selbsthilfe“ wie Aufklärung und Beratung).

„Wir kommen an der Konzeption nicht vorbei“ – dies war die Schlussfolgerung von Heilerziehungspfleger Volker Schmidt, um die „Sprach- und Hilflosigkeit“ von Mitarbeitenden gegenüber der Sexualitätsproblematik in der Arbeit mit und für Menschen mit Behinderung zu überwinden. Ein Arbeitskreis unter Leitung von Lallathin und Schmidt hatte die Handreichung erarbeitet.


Für Brigitte Huber, Bioethik-Beauftragte beim Bundesverband evangelische Behindertenhilfe (BeB), ist Sexualität „ein konstitutives Element menschlicher Existenz“. Gott schenke Sexualität und bejahe diese, was die Magister-Theologin mit Bibelzitaten begründen konnte. Dabei sprach sie sich aber gegen eine „Laszivität in der Lebenseinstellung“ und die Annahme einer „absoluten Selbstbestimmung“ aus. „Es gibt keine gesonderte Sexualethik für Menschen mit Behinderung“, so Huber.

„Sexualität ist das, was wir aus ihr machen“ – damit brachte Diplom- und Sexualpädagoge Ralf Specht auf den Punkt, dass Sexualität individuell, sozial und historisch geformt sei. Auf sie bestehe ein Grundrecht. Sexuelle Bedürfnisse von Menschen mit und ohne Behinderung seien gleich. Allerdings fehlten Menschen mit Lernbehinderung notwendige Lern- und Erfahrungsräume.

Nina de Vries versteht sich als Pionierarbeiterin auf dem Gebiet der „Sexualassistenz“ und bildet in diesem Gewerbe auch aus. Seit 14 Jahren bietet sie Menschen mit Behinderung sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung an (aktive Sexualhilfe), wobei sie bei diesbezüglichen Praktiken eigene Grenzen ziehe. Zwischen Menschen sehe sie keine Unterschiede, wenngleich sie sich an Ekel und Angst gegenüber Menschen mit Behinderung in früheren Jahren erinnerte. Nach ihrer Selbstauffassung leistet sie ihren Kunden eine „heilende Dienstleistung“, aber in erster Linie tue sie die Arbeit für sich selbst.

Auf ihr Angebot hin, Fragen an sie zu richten, meldete sich eine Teilnehmerin einer nicht-diakonischen Einrichtung in der Schweiz. Diese berichtete von „geerdeten und glücklichen“ Menschen mit Behinderung nach einer sexuellen Dienstleistung. Der Beifall für diesen Beitrag kam vereinzelt und verhalten. Nichtsdestotrotz gab es beim Workshop von de Vries gegenüber Parallelveranstaltungen den größten Andrang.

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1 Kommentar

  1. Sehr interessanter Artikel. Ich finde es wird in diese Richtung generell zu wenig gemacht. Zwar kann man überall mit dem Thema Sexualität konfrontiert werden, doch ist das Wissen gerade bei der jüngeren Generation sehr gering.

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