„Katastrophe Corona“ zur rechten Zeit“

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 „Ohne eine flächendeckende und nachhaltig finanzierte Krankenhausstruktur wird es künftig weniger denn je gehen“: Landrat Dr. Achim Brötel wendet sich mit einer Corona-Zwischenbilanz von der Basis direkt an die Bundeskanzlerin. (Foto: pm)

Corona-Zwischenbilanz für Kanzlerin Merkel – “Hohe Bettendichte ist unser ganz entscheidendes Pfund“

Mosbach. (pm) Die Pandemiebekämpfung fordert alle Beteiligten nach wie vor in einem bisher noch nie da gewesenen Maß. Für Landrat Dr. Achim Brötel ist das umgekehrt aber auch Anlass genug gewesen, um sich mit einer Corona-Zwischenbilanz von der Basis direkt an die Bundeskanzlerin zu wenden.

Dass Deutschland bislang im Vergleich zu vielen anderen Ländern in der Welt erstaunlich gut durch die Krise gekommen ist, sei mehreren Faktoren geschuldet: der entschlossenen, zugleich aber auch besonnenen Reaktion der Politik, unserem starken Sozialstaat, der geholfen habe, Vieles aufzufangen und Schlimmeres zu verhindern, dem hohen Maß an Solidarität und Gemeinsinn bei den Menschen, nicht zuletzt aber eben auch unserem funktionierenden Gesundheitssystem.

Kein anderes Land in Europa habe nämlich mehr Betten und vor allem auch mehr Intensivbetten als Deutschland. Genau das, was uns die Bertelsmann-Studie, aber auch eine unheilvolle parteienübergreifende Allianz von Gesundheitspolitikern im Deutschen Bundestag immer wieder kritisch vorgehalten habe, nämlich die vergleichsweise hohe Bettendichte, sei jetzt gerade umgekehrt aber unser ganz entscheidendes Pfund.

Das hätten in der Krise plötzlich auch diejenigen anerkannt, die es vorher ausdrücklich kritisiert hatten. Auf einmal habe das große Ziel wieder Ausweitung der Kapazitäten geheißen. Das könne man allerdings nur dort tun, wo es überhaupt noch Krankenhäuser gibt.

Genau an diesem Punkt sieht der Landrat deshalb auch akuten politischen Handlungsbedarf in Berlin: „Ohne eine flächendeckende und nachhaltig finanzierte Krankenhausstruktur wird es künftig weniger denn je gehen“. Wenn man die letzten 15 Jahre Revue passieren lasse, dann sei es in Sachen Krankenhausfinanzierung in Deutschland allerdings kontinuierlich und zuletzt sogar dramatisch immer schlechter geworden.

Das sei eine Entwicklung, die ihm große Sorgen mache und die auch die Menschen vor Ort emotional massiv umtreibe. Leider sei das zumindest vor Corona von der Politik jedoch konsequent ignoriert worden. Selbst Bundesgesundheitsminister Spahn habe noch unmittelbar vor Ausbruch der Pandemie in Deutschland ganz offen „mehr Mut bei der Schließung von kleineren Krankenhäusern“ gefordert. Vielleicht habe uns die „Katastrophe Corona“ also gerade noch zur rechten Zeit ereilt.

Am konkreten Beispiel der Neckar-Odenwald-Kliniken in Mosbach und Buchen erläutert Landrat Dr. Brötel der Kanzlerin in seinem Schreiben deshalb auch die besondere Bedeutung kleiner Krankenhäuser im Ländlichen Raum. Seit Beginn der Pandemie seien dort allein rund 750 Patientinnen und Patienten mit COVID-19-Verdacht stationär behandelt worden. Knapp 90 davon hätten sich dann tatsächlich als akut infiziert herausgestellt. Eine ganze Reihe habe intensivmedizinisch beatmet werden müssen.

Man sei in den Kliniken manchmal am Anschlag, aber nie darüber gewesen. Die Menschen bei uns hätten auch in den Hochphasen der Pandemie jedenfalls immer die Gewissheit gehabt, dass ihnen wohnortnah, effizient und notfalls auch intensivmedizinisch mit entsprechenden Beatmungskapazitäten geholfen wird. Er sei deshalb, so der Landrat, „mächtig stolz“ auf die Mannschaft, die in den Kliniken arbeite und die das auch unter schwierigen Rahmenbedingungen immer mit einem Lächeln im Gesicht getan habe. Wenn es die Neckar-Odenwald-Kliniken nicht mehr gäbe, so das Fazit von Brötel, hätten wir den Kampf gegen das Virus allerdings schon verloren gehabt, noch ehe er begonnen hätte.

Trotz alledem bleibe aber auch als Bilanz, dass der Neckar-Odenwald-Kreis allein 2020 voraussichtlich weitere 7,7 Mio. Euro zuschießen müsse, nur um den Fortbestand seiner Krankenhäuser zu sichern. In einem Land, das seit weit mehr als 100 Jahren ein an sich funktionierendes Sozialversicherungssystem hat, sei es allerdings völlig unverständlich und auch nicht akzeptabel, dass ein solcher Grundpfeiler der Daseinsvorsorge für die Menschen mit erheblichen kommunalen Finanzmitteln subventioniert werden muss, nur weil das vom Bund beschlossene System der Krankenhausfinanzierung für kleinere Häuser im ländlichen Raum schlicht und ergreifend nicht auskömmlich sei. In diesem Punkt bestehe deshalb mit Blick auf die Zukunft dringender Reformbedarf.

Eine Krankenhausversorgung, die nur noch von den Zahlen her gedacht werde und deshalb komplett auf Kante genäht ist, sei ein Armutszeugnis für ein reiches und wirtschaftsstarkes Land. Corona habe uns doch jetzt ganz deutlich gezeigt, wie wichtig dezentrale Strukturen, wie unverzichtbar aber auch ausreichende Reservekapazitäten seien. Die flächendeckende Vorhaltung von Krankenhäusern sei etwas, um das uns der Rest der Welt beneide. Warum also, so der Landrat, sägen wir dann aber permanent selbst an diesem starken Ast, auf dem wir sitzen?

Ökonomischer Eifer sei sicher kein Fehler. Ökonomischer Eifer könne aber in einem derart zentralen Handlungsfeld wie der Daseinsvorsorge nicht der entscheidende Maßstab sein. Wenn man stattdessen von den Menschen her denke, dann könne die alles entscheidende Frage nur lauten: Wie viel an medizinischer und pflegerischer Versorgung, vor allem aber auch wie viel an rettungsdienstlicher und notfallmedizinischer Versorgung brauchen die Menschen insbesondere im ländlichen Raum?

Und: wenn diese Frage erst einmal beantwortet sei, dann sei es die Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass die notwendigen Strukturen dann auch finanziell so ausgestattet würden, dass sie nachhaltig überlebensfähig seien und nicht permanent kommunal subventioniert werden müssten. Wenn in einem prosperierenden Bundesland wie Baden-Württemberg schon vor Corona mehr als die Hälfte aller Krankenhäuser rote Zahlen geschrieben habe, dann sei doch an dem System als solchem etwas faul.

An den Neckar-Odenwald-Kliniken könne man im Übrigen aber auch sehr deutlich belegen, was tatsächlich krank sei am deutschen Gesundheitswesen. Bestimmte Bevölkerungsstrukturen bildeten sich nämlich zwar in Patientenstrukturen, allerdings leider noch nicht einmal ansatzweise auch in den geltenden Fallpauschalen des DRG-Systems ab. Viele Patientinnen und Patienten seien älter oder alt, nicht selten sogar hochbetagt. Vielfach seien die Krankenhäuser inzwischen sogar so etwas wie ein „verlängertes Pflegebett“.

Keiner dieser Menschen habe sich selbst eingewiesen. Und: Alle bräuchten zweifelsohne medizinische Hilfe und seien dabei in aller Regel auch noch pflege- und personalintensiv bei der Betreuung. Die hinterlegten Krankheitsbilder seien im DRG-System jedoch durchweg am untersten Rand angesiedelt. Das führe dann trotz hoher Auslastung zu einem millionenschweren Defizit. „Ist das ein System, das noch irgendjemand verstehen kann?“, so die direkte Frage des Landrats an die Kanzlerin.

Deshalb plädiere er bereits seit geraumer Zeit dafür, für Krankenhäuser im ländlichen Raum einen eigenen Versorgungsauftrag zu definieren, dann aber diese Häuser eben finanziell auch so auszustatten, dass sie nachhaltig überlebensfähig sind. Dabei könne man durchaus auf die menschliche Biografie als Leitlinie zurückgreifen. Wir kommen auf die Welt. Dafür brauche es eine Geburtshilfe.

Wir werden älter und stehen in der Ausbildung oder später im Beruf – mit allen Risiken, die das Leben für uns eben bereithält: der Arbeitsunfall, die Freizeitverletzung, der akute Blinddarm, aber auch der Verkehrsunfall, der Herzinfarkt oder der Schlaganfall. Das sind Eventualitäten, die einfach nicht planbar sind. Dafür brauche es einen leistungsfähigen Rettungsdienst und eine wohnortnahe Notfallversorgung, zumindest im Sinne einer Erstversorgung. Und: wir werden (hoffentlich) alt. Dann brauchen wir entsprechende Angebote für die überwiegend altersbedingten Krankheitsbilder in der Inneren Medizin und der Geriatrie, sowie eine menschenwürdige Palliativversorgung.

Brötel formuliert deshalb auch einen dringenden Appell an die Bundeskanzlerin: „Wann, wenn nicht jetzt sollte die Zeit sein, um die entscheidenden Weichen in die richtige Richtung zu stellen? Und: wer, wenn nicht Sie könnte diesen Prozess anstoßen und zum Erfolg führen?“.

Krasse versorgungspolitische Fehleinschätzungen wie die der Bertelsmann-Studie seien hingegen hoch gefährlich und zudem schlicht verantwortungslos. Das hätten die letzten Wochen und Monate doch eindrucksvoll gezeigt. Gerade die kleinen und dezentralen Krankenhäuser hätten bei der Pandemie-Bekämpfung nämlich einen ganz entscheidenden Beitrag geleistet und leisten ihn auch weiterhin.

Die Verfügbarkeit in der Fläche sei Gold wert, auch wenn es Silbermünzen koste. Ein größerer Infektionseintrag in einem Zentralkrankenhaus „Bertelmann‘scher Prägung“ könne nämlich auch auf einen Schlag lebenswichtige Strukturen in einer ganzen Region lahmlegen. Im Vergleich dazu seien dezentral aufgestellte kleinere Häuser in der Fläche wesentlich leistungsfähiger und krisensicherer.

Und: eine höhere Bettenkapazität biete gerade dann, wenn es auf den Faktor Zeit ankommt, auch ganz entscheidende Vorteile. Das seien nämlich Kapazitäten, die schon vorhanden sind und die deshalb nicht zusätzlich erst noch aufgebaut werden müssten.

Selbst Bundesgesundheitsminister Spahn habe vor kurzem gesagt, dass die Deutschen dankbar, demütig, aber auch ein ganzes Stück stolz seien auf ein Gesundheitswesen, das in einer Pandemie so etwas leisten könne. Jetzt müssten, so Brötel, den Worten also „nur“ noch Taten folgen. Nicht nur während der Pandemie, sondern insbesondere auch für die Zeit danach. Er wünsche sich deshalb von Herzen, dass die Politik endlich den Menschen als das Maß aller Dinge wiederentdeckt und dann auch konsequent nach dieser Maßgabe handele. Wenn die Strukturen vor Ort erst einmal kaputt seien, sei es jedoch zu spät.

Vermutlich wird nicht nur Landrat Dr. Achim Brötel gespannt auf die Antwort aus Berlin warten. Auch die Bundestagsabgeordneten aus der Region haben den Brief bekommen – mit der dringenden Bitte um Unterstützung. Denn da steht, so Brötel abschließend, wirklich viel auf dem Spiel.

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