Auto-Geburt im Neckartal

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(Symbolbild – kelin/Pixabay)

Bis zum Eberbacher Krankenhaus hätten wir’s geschafft!“ – „Kinder- und familienfreundliche Politik sieht anders aus!“

Neckartal.  (bnc) Vor ein paar Monaten hatte eine Freundin ihr Kind auf dem Weg von Eberbach zur Klinik im PKW am Straßenrand zur Welt gebracht. „Sowas wird uns nicht passieren“, sagten sich Lena und Paul (Namen von der Redaktion geändert). „Wir werden auf jeden Fall ganz frühzeitig losfahren.“

Und dann geschieht es doch. An einem Dienstag im Juni ist das junge Paar aus Eberbach im Heidelberger Krankenhaus seiner Wahl zur Untersuchung. Lena ist neun Tage über dem errechneten Geburtstermin. Da müssen die zwei seit einigen Tagen täglich die hin- und zurück rund 70 Kilometer zurücklegen, um zu erfahren, ob es ihrem ungeborenen Kind weiterhin gut geht.

Zuhause kommen kräftige Wehen

Leichte, unregelmäßige Wehen werden an diesem Vormittag zwar festgestellt. Trotzdem lässt man die beiden zurück ins Neckartal fahren. Kaum zu Hause angekommen, spürt Lena erste kräftigere Wehen. Wenig später sitzen die beiden erneut im Auto Richtung Heidelberg. Und dann geht alles ganz schnell.

In Hirschhorn kommen die Wehen schon alle drei Minuten. Lena kniet ab jetzt auf dem Beifahrersitz, um die Schmerzen besser zu ertragen. Sie krallt ihre Hände in die Kopfstütze, um nicht umzufallen, wenn ihr Mann durch eine Kurve fährt oder abbiegt.

„Wir schaffen das!“,

„Wir schaffen das!“, spricht Paul seiner Frau Mut zu. Bei Neckarsteinach zieht ein Unwetter auf. Es beginnt zu stürmen, zu blitzen, zu donnern. Regenmassen prasseln vom Himmel, der Scheibenwischer kann sie kaum bewältigen. „Ich kam mir vor wie in einem schlechten Film“, sagt Paul im Rückblick. „Aber es war alles sehr real.“

Unwetter sorgt für Super-Gau

Vor Ziegelhausen dann der Super-Gau. Die Straße ist vom Unwetter überspült, Wasser sprudelt aus den Gullys. Der nachmittägliche Berufsverkehr ist zum Erliegen gekommen. Rings um Paul und Lena stauen sich die Fahrzeuge. Polizei oder Krankenwagen zu Hilfe rufen? Zwecklos. Lena spürt, wie der Geburtsvorgang seinen Lauf nimmt.

Geburtshilfe per Videotelefonie

„Oh Gott, was soll ich denn jetzt machen?“, schreit sie verzweifelt. Paul weiß es auch nicht. Er ruft seine Schwägerin Maria an. Sie ist Hebamme, sie muss helfen. Mehrere Jahre lang hat Maria im Schwäbischen als freiberufliche Hebamme Kinder bei Hausgeburten auf diese Welt begleitet.

Bis sie – wie viele ihrer Kolleginnen – resignierte und sich aufgrund unzumutbarer Arbeitsbedingungen, schlechter Vergütung und horrender Haftpflichtversicherungsprämien gezwungen sah, die Geburtshilfe aufzugeben. Inzwischen betreut sie Frauen und ihre Kinder nur noch geburtsvorbereitend und im Wochenbett.

Zum Glück geht Maria sofort ans Telefon. Per Video-Call versucht sie nun übers Handy, Lena und Paul nach besten Kräften zur Seite zu stehen. „Bleibt ruhig, alles wird gut“, will sie die beiden beruhigen. Während die Blechlawine sich im Schneckentempo vorwärtsbewegt, sagt sie Lena, wie sie atmen soll und erklärt ihr, was in jedem Moment in ihrem Körper vor sich geht.

Rechts ran, das Kind kommt JETZT!

Und irgendwann kommt der Ruf aus dem Handy-Lautsprecher: „Paul, fahr rechts ran, euer Kind kommt. Du musst rüber auf die Beifahrerseite und es annehmen.“ Paul schaltet das Warnblinklicht ein, drückt auf die Hupe und tritt aufs Gaspedal. Nur noch wenige hundert Meter trennen ihn und seine Frau nun von der Klinik. Er will es schaffen. „Halt an, das Kind kommt JETZT!“, tönt es kurz darauf beschwörend aus dem Handy.

Horror-Trip endet nach 75 Minuten

Vor dem Eingang des Krankenhauses kommt das Auto nach 75-minütigem Horror-Trip zum Stehen. Paul springt hinaus in die himmlischen Sturzfluten, reißt die Beifahrertür auf. Sekunden später hält er seinen kleinen Sohn in den Händen. Passanten eilen ins Krankenhaus, um Hilfe zu holen. Paul legt seiner Frau das Baby in die Arme. Er zieht sein T-Shirt aus und hüllt es darin ein, um es vor Regen und Kälte zu schützen. Dann laufen Ärzte, Hebammen, Krankenschwestern herbei und nehmen Mutter und Kind in ihre Obhut. Paul fährt das Auto zur Seite.

Das Personal am Limit

Einige Zeit später heißt es: Sie sind wohlauf. Das erhoffte Familienzimmer bekommen die drei allerdings nicht. Die Station ist voll, das Personal am Limit. „Kein Wunder“, sagt Paul, „wenn neben den Leuten von hier auch noch das gesamte Umland zum Kinderkriegen herkommen muss.“ Doch Erleichterung und Freude sind groß. Alles ist gutgegangen. Sie haben Glück gehabt. Wenngleich: der Groll bleibt.

Immer weniger Entbindungsstation

„Warum muss so etwas in einem der reichsten und höchstentwickelten Länder der Erde sein?“, fragen sich Lena und Paul, als der Schrecken des Erlebten langsam nachlässt. „Warum ist kein Geld da, um jungen Eltern solche Erfahrungen zu ersparen?“

Dabei gab es bis vor einigen Jahren am Eberbacher Krankenhaus eine gut ausgestattete Entbindungsstation, wissen die beiden. Lena, Paul und alle ihre Geschwister haben dort das Licht der Welt erblickt. Dann wurde sie geschlossen, weil sie sich nicht mehr rechnete. Im vergangenen Jahr wurde nun auch die Geburtshilfestation am Mosbacher Krankenhaus – trotz großen Protests aus der Bevölkerung – aus Kostengründen geschlossen.

Seitdem gibt es im gesamten Neckartal zwischen Heidelberg und Heilbronn keine Klinik mehr, in der eine Frau ihr Kind zur Welt bringen kann.

„Eine kinder- und familienfreundliche Politik sieht für mich anders aus“, macht Paul seinem Ärger Luft. „Sie beginnt schon vor der Geburt.“ „Bis zum Eberbacher Krankenhaus hätten wir’s geschafft“, sagt Lena und lächelt.

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