„ALKIS“ hält Einzug im Vermessungsamt

Vermesser

Die Bevölkerung nimmt die Beschäftigten des Fachdienstes Vermessung des Landratsamtes meist nur bei Ihren Messarbeiten draußen – wie hier in Ravenstein – wahr. Tatsächlich ist auch am Schreibtisch und am Computer viel Arbeit zu leisten, wie jetzt bei der Umstellung  auf das „Automatisierte Liegenschaftskataster Informationssystem“ (ALKIS). 

Neckar-Odenwald-Kreis/Buchen. In allen Kulturen und zu jeder Zeit hatte Grund und Boden einen besonderen, sehr hohen Stellenwert. Einerseits war und ist eigener Grundbesitz ein Zeichen von Wohlstand und Sicherheit. Andererseits haben Grund und Boden auch als Wirtschaftsgut eine hohe Bedeutung. Ende August 2012 steht im Neckar-Odenwald-Kreis eine wegweisende Umstellung im Fachdienst Vermessung des Landratsamtes an, also da, wo wichtige Einzelheiten zum Grundbesitz wie Größe, genaue Lage und mehr geführt werden: die Übertragung aller vorliegenden Daten in das „Automatisiertes Liegenschaftskataster Informationssystem“ (ALKIS).

Zum Hintergrund: In Deutschland wurde bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts  in den Großherzogtümern und Königreichen mit einer amtlichen Vermessung sämtlicher Flurstücke begonnen.  Damit war erstmals ein Werk geschaffen worden, das  auf naturwissenschaftlich exakter Grundlage die Grenzverläufe dokumentierte und jedes Flurstück mit einer Flurstücksnummer maßstäblich  in einer Flurkarte darstellte. Die beschreibenden Angaben zur Nutzungsart, Eigentumsverhältnissen und natürlich zur Fläche selbst wurden im sogenannten Lagerbuch geführt.

Der Begriff des Lagerbuches hat sich in der Bevölkerung so verfestigt, dass auch heute noch häufig von der „Lagerbuchnummer“ anstelle der Flurstücksnummer gesprochen wird. Sichtbares Zeichen der amtlichen Vermessung waren die in diesem Zusammenhang gesetzten Grenzpunkte („Marksteine“), die so deutlich die „Hoheitsrechte“ der einzelnen Grundstückseigentümer aufzeigten.

Das so entstandene Liegenschaftskataster ist damals wie heute ein Baustein zur Bewahrung des individuellen Eigentums, das grundgesetzlich garantiert ist.




Auch das Grundbuchwesen zur Dokumentation der Rechte am Grundstück entwickelte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Mit der Grundbuchordnung aus dem Jahre 1897 waren so die beiden öffentlichen Register – Grundbuch und Liegenschaftskataster –  geschaffen worden, die nach wie vor Grundlagen sind für den vollständigen Nachweis des Grundeigentums.

Das Liegenschaftskataster hat sich unter dessen stetig weiterentwickelt und entsprechend den technischen Möglichkeiten wurden die Datenbestände schon frühzeitig mittels der EDV bearbeitet.   Seit  1973 beschäftigte sich die Vermessungsverwaltung mit dem Aufbau des Automatisierten Liegenschaftsbuches („ALB“). Inhalt dieser riesigen Datei sind sämtliche textlichen Angaben zur Beschreibung eines Flurstückes. Die Flurkarte hingegen wurde weiter von Hand gezeichnet. Ab etwa 1983 wurde auch die Flurkarte mehr und mehr aus dem immer leistungsfähiger gewordenen Rechner geliefert – als „ALK“ oder Automatisierte Flurkarte.  Mit diesen Systemen, die etwa Anfang des Jahrtausends fertig erstellt waren, arbeiten die Vermessungsämter noch heute.

Wenn zwei so große zu unterschiedlichen Zeiten entstandene Datenbestände ein- und dasselbe Objekt – also das Flurstück – beschreiben, ist bei aller Sorgfalt dennoch mit Ungereimtheiten zu rechnen. „Inkonsistenzen“ nennen das die Techniker.

Für eine zukunftsorientierte und länderübergreifende Weiterentwicklung war dieses Modell daher also nicht mehr geeignet. Bereits im Jahre 1996 entstand so ein bundesweites Fachkonzept zur Ablösung  von ALB und ALK durch ein Automatisiertes Liegenschaftskataster Informationssystem (ALKIS), ein  sehr komplexes und umfassendes System, dessen Umsetzung 2010 begann und bis zur Umstellung von rund 63 Millionen Flurstücken in der Bundesrepublik mindestens vier Jahre dauert. ALKIS ist weit mehr als die bloße Zusammenführung von ALB und ALK. Als „objektorientiertes Datenmodell“ entspricht es auch internationalen Normen und den zukünftigen Anforderungen der Geoinformationswirtschaft. 

Tatsächlich ändern sich die Begriffswelt und die dahinter stehende Technik radikal. Wo früher penibel gezeichnet und  konstruiert  wurde, reichen in ALKIS ein paar elektronische Befehle. Alte  nachvollziehbare Begriffe und Strukturen weichen und werden durch eine neue Objektsicht und eine ebenso neue Sprache  und Denkweise ersetzt.


Im Neckar-Odenwald-Kreis soll es Ende August soweit sein, dass die ersten Gemarkungen nach ALKIS „migriert“ werden. 220 000 Flurstücke und  116 000  Gebäude  im Kreisgebiet sind davon betroffen.  Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  des Fachdienstes Vermessung haben sich schon lange durch Schulungen auf diesen Termin vorbereitet. Unzählige Abgleiche zwischen ALB und ALK  wurden gemacht, viel Detailarbeit wurde geleistet.

Wenn jetzt das Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung (LGL) den Startschuss gibt, ist eine Rückkehr zu ALB und ALK ausgeschlossen.  Noch nie wurden so umfangreiche Datenbestände sozusagen über Nacht in eine völlig neue  Umgebung migriert. Die Migration wird laufen – davon ist man im Vermessungsamt überzeugt. Für die Fortführungen im Anschluss fehlt es allerdings noch an praktischer Erfahrung. Da werden Verzögerungen nicht ausgeschlossen werden können.

In jedem Fall können die Männer und Frauen im Fachdienst für Vermessung des Landratsamtes die Sicherung des Grundeigentums ohne Unterbrechung garantieren – jetzt und in der Zukunft. „Und Lagerbuchnummer verstehen wir auch nach wie vor“, versichert Thomas Wittlinger, der Fachdienstleiter, der mit seinen Kolleginnen und Kollegen dem Stichtag Ende August mit wachsender Spannung, aber auch einer guten Portion Gelassenheit entgegen sieht.

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