Tim Pröse – Jahrhundertzeugen

(Foto: Michael Pohl

Autorenlesung in Osterburken

von Michael Pohl

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Nur wenige Menschen gibt es noch, die den nachfolgenden Generationen ein persönliches Stück Zeitgeschichte aus einer der schrecklichsten Epochen der Weltgeschichte zur Mahnung und zu Ermutigung weiterreichen können und wollen. Aber es gibt sie noch, die Widerstandskämpfer, Holocaust-Überlebenden, Menschenretter und deren Hinterbliebene.

Tim Pröse, in München lebender Journalist und Buchautor, hat sich mit Beharrlichkeit auf die Suche gemacht. Auf Einladung von Nicole Zeidelhack, Pächterin des Museumscafés Mithras, kam Tim Pröse für eine Lesung nach Osterburken. 18 Begegnungen mit gänzlich unterschiedlichen Jahrhundertzeugen hat er zu einem Buch verarbeitet, drei davon ließ der Autor an diesem Abend ausführlich zu Wort kommen.

Einfühlsam und mit liebevoller Empathie schildert er die „Botschaft der letzten Helden gegen Hitler“, so auch der Untertitel seines Buches. Naheliegend war es, gleich zu Beginn der Lesung die Schwester von Sophie Scholl zu Wort kommen zu lassen, liegt deren Elternhaus doch in Forchtenberg, in unmittelbarer Nachbarschaft unserer Region. Ruhig war es im Marc-Aurel-Saal geworden, als Tim Pröse aus dem Interview mit Inge Aicher-Scholl berichtet und die letzten Tage und Stunden von Sophie Scholl noch einmal lebendig werden ließ. Geschilderte kleine Gesten und bisher unbekannte persönliche Dokumentationen stellte der Autor verbunden mit eigenen Anmerkungen zu Situationen und zeitlicher Anordnung rhetorisch fließend nebeneinander und verwob persönliches mit zeitgeschichtlichem. Die Auszüge aus seinem Buch verwob er geschickt und angenehm mit eingestreuten Anmerkungen, ohne dass der Erzählfaden riss. Von Anfang an waren die Zuhörer von Pröses ruhiger, geradezu leiser Erzähl- und Leseweise gefesselt und man konnte sprichwörtlich die Stecknadel fallen hören.

Nach einer kurzen Pause berichtete Tim Pröse über seine Begegnung mit Kurt Keller. Vor über 70 Jahren hatte dieser in Frankreich am Omaha Beach auf deutscher Seite gekämpft, die Invasion und das grauenhafte Massensterben überlebt und desertierte Ende 1944. Auf die Initiative Pröses kehrte er gemeinsam mit dem Autor nochmals an den Ort des Schreckens zurück.

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Nur wenige kennen die bemerkenswerten Taten des ehemaligen Krupp-Managers Berthold Beitz. Vielleicht ist er der wahrhaftigere „Oscar Schindler“, dessen tausendfache Judenrettung es dank Steven Spielberg zu später Anerkennung schaffte und doch angesichts charakterlicher Entgleisungen das Ansehen Schindlers getrübt ist. Beitz dagegen, so erzählt Tim Pröse, hatte nie über seine Zeit als Direktor einer polnischen Erdölfirma erzählt, in der er über 1500 Juden vor dem sicheren Tod rettete. Sehr emotional schildert Pröse das Wiedersehen mit Jurek Rotenberg, damals noch Kind, mit seinem zu diesem Zeitpunkt bereits 99jährigen Retter.
Im Vordergrund von Tim Pröses Recherchen steht nicht das große Ganze, sondern das persönliche, oft jahrzehntelang bewahrte Private. Angesichts der dramatischen und lebenslang belastenden Erlebnisse der Zeitzeugen gebührt dem Autor große Anerkennung, dass diese Menschen, einige in den letzten Jahren ihres Lebens, ihr Herz für ihn öffneten und somit ihr Schweigen gegenüber der Öffentlichkeit brachen.

Zum Abschluss bot Tim Pröse die gern genutzte Gelegenheit zu Fragen und Diskussion und stellte dabei kurz auch die weiteren „Vorbilder und Hoffnungsträger für unsichere Zeiten“ aus seinem Buch vor. Terror und Krieg, Flucht und Vertreibung sind die Themen, die heute wieder aktueller denn je sind, so Pröse. Mut machen sollen sie, die geschilderten Begegnungen, so das Fazit aller Besucher dieser wunderbaren Lesung. Mut machen soll die gelungene Veranstaltung aber auch der Initiatorin, weitere bemerkenswerte Autoren nach Osterburken einzuladen.

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