„Kirchliches Leben in der Region bedroht“

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Offener Brief des Pfarrgemeinderats der Seelsorgeeinheit Adelsheim-Osterburken-Seckach zum Abzug der Pfarrer

Gegen den Willen der Katholiken der Seelsorgeeinheit Adelsheim-Osterburken-Seckach werden die beiden Pfarrer Andreas Schneider und Martin Drathschmidt zu Pfingsten nach Bühl versetzt, wo wegen Missbrauchsvorwürfen zwei Pfarrstellen zu besetzen sind. Im Bauland sieht man sich gegenüber der städtischen Region benachteiligt, weshalb der Pfarrgemeinderat der Seelsorgeeinheit folgenden offenen Brief verfasste:

Sehr geehrter Herr Domkapitular Hauser, ​ ​ ​ ​
Sehr geehrter Herr Diakon Eiermann,

mit tiefem Bedauern mussten wir die Nachricht vernehmen, dass in absehbarer Zeit Pfarrer Schneider und Pfarrer Drathschmidt versetzt werden sollen. Das Engagement der Pfarrer in dieser pastoral sehr vielfältig strukturierten Region und in dieser schwierigen Zeit, war und ist sehr umsichtig und von besonderer Wertschätzung gegenüber den Gemeinden geprägt.

Es entsteht bei uns der Eindruck, dass Sie sich nicht wirklich der Auswirkungen bewusst sind, die diese Entscheidung für die 12 Gemeinden (Adelsheim, Osterburken, Seckach, Zimmern, Großeicholzheim, Rosenberg, Bödigheim, Hemsbach, Bronnacker, Sennfeld, Schlierstadt, Klinge) unserer Seelsorgeeinheit haben werden!

In dieser besonderen und sehr nervenaufreibenden Zeit der Pandemie und mit den vielen noch vor uns liegenden Umstrukturierungen (Pastoral 2030), erleben wir die geplante Versetzung der beiden Pfarrer als sehr unpassend, ja bedrohlich für das kirchliche und besonders katholische Leben in unserer Region!

Seelsorgerliche Begleitung wäre ein wichtiger Halt in dieser Zeit, stattdessen wird durch diese kirchliche Entscheidung die Unsicherheit noch um ein Vielfaches verstärkt.
Dabei erwarten wir, dass durch den Umzug von unseren beiden Pfarrern eine Lücke woanders geschlossen wird und hier eine sehr große und neue entsteht! Das Gesamt-Konzept ist für uns absolut nicht zu verstehen und nicht nachvollziehbar.

Außerdem nehmen wir deutlich wahr, dass die Zahl der Priester und Seelsorger in Städten im Vergleich zum ländlichen Raum deutlich erhöht ist. Dieses Ungleichgewicht gilt es nach unserer Ansicht deutlicher anzuschauen und auf eine faire Umverteilung hinzuwirken. Manche Priester in den Städten haben kaum eine Möglichkeit an Sonn- und Feiertagen eine Eucharistie zu halten, weil die Dichte an Priestern dort sehr groß ist.

Gewiss, die beiden Pfarrer sind bereits seit ca. 15 Jahren hier in der Kirchengemeinde. Was die Würzburger Synode vor 50 Jahren (als sie einen sehr regelmäßigen Stellenwechsel von Pfarrern vorgesehen hat) damals noch nicht einbeziehen konnte, ist die grundsätzliche und ständige Veränderung der Pastoralen Situation, besonders in ländlichen Regionen. Bei 12 Gemeinden in sehr unterschiedlicher Ausprägung des religiösen Lebens, ist es den Pfarrern bereits heute kaum möglich in den einzelnen Gemeindeteilen vor Ort zu sein, ganz zu schweigen von wöchentlichen Eucharistiefeiern. Dies ist in unserer Seelsorgeeinheit bereits seit mehr als 15 Jahren nicht mehr Realität.

Die Gemeinden leben bereits bisher sehr vom ehrenamtlichen Engagement vor Ort, das oft schon jetzt bis an die Grenze des Möglichen bei den einzelnen aktiven Gemeindemitgliedern geht. Insofern ist die Gefahr, sich zu sehr als Pfarrer hier vor Ort gemütlich einzurichten, auch trotz der langen Zeit, nicht existent. Fakt ist, die Situation hat sich in den vergangenen 50 Jahren zu sehr und sehr dynamisch entwickelt, sodass Vorgaben von damals auch kritisch hinterfragt und an heutige Realitäten angepasst werden müssen.

Mit dem Abzug der beiden Pfarrer wird diese hier bereits sehr angespannte Situation um ein Vielfaches verschärft! Selbst wenn sich ein einzelner Pfarrer tatsächlich bereit erklären würde in diese ländliche Flächengemeinde zu wechseln, ist allein schon die Sakramentenspendung absolut ausgedünnt. Die auf dem Papier existierenden Diakone, die bisher einiges übernommen haben, sind entweder entpflichtet, altersbedingt krank oder stehen noch selbst mitten im Berufsleben. Diakone mit Zivilberuf sind nicht in der Lage eine solch entstehende Lücke mit zu füllen, sie sind viel mehr eine Unterstützung, kein Ersatz.

Neben der Sakramentenspendung gibt es hier aber auch noch eine Vielzahl von ländlichen Traditionen und Strukturen, die durch die Reduzierung massiv betroffen wären und zwangsläufig sterben werden:
Geistliche Begleitung, spirituelle Impulse und Angebote, Jugendpastoral, Sakramentenkatechese und vielfältige Begleitung von Theologischen Fortbildungen. Dies ist nur ein kleiner Abriss.

Gewiss, manches muss sterben, damit Neues wachsen kann. Hier ist aber ein Sterben ohne eine Chance auf anderes Wachstum abzusehen! Wir stehen dem Neuen durchaus offen gegenüber, jedoch basierend auf einer zumindest etablierten Struktur. Nach gerade fünf Jahren neue Struktur Pfarrgemeinderat entziehen Sie mit der Versetzung der Pfarrer unserer Seelsorgeeinheit quasi den Boden für weitere strukturelle Änderungen (z.B. Pastoral 2030).

Wir befürchten, dass durch die großen Wege das weitmaschige Netz aufgrund von Überlast kollabiert.
So ist es uns ein Herzens-Anliegen, dass die Entscheidung zur Versetzung der beiden Pfarrer von Ihrer Seite nochmals überdacht wird.

Ich lade Sie in das Bauland ein, zusammen mit dem Gremium des Pfarrgemeinderates die Diskussion vor Ort fortzusetzen.

Hier noch ein nachdenklicher Anhang von einem unserer jungen Gemeindemitglieder

Mit einer Fläche von 1.126 Quadratkilometern und rund 142 000 Einwohnern zählt der Neckar-OdenwaldKreis samt unserer Seelsorgeeinheit Adelsheim-Osterburken-Seckach zu den ländlichsten Räumen der ländlichen Räume. Verglichen, beispielsweise mit dem Stadtkreis Freiburg, ergibt sich ein deutlicher Unterschied in Anbetracht der Einwohnerdichte. Demnach kommt der Neckar-Odenwald-Kreis noch nicht einmal auf ein Zehntel der Einwohner je Quadratkilometer wie im Stadtkreis Freiburg.

Glaube hat hier noch Tradition die in den Gemeinden Adelsheim, Osterburken und Seckach zwar an Personenzahl immer schwächer wird, aber immer noch durchgeführt und weiter ein fester Bestandteil im Jahresprogramm der Gemeinde ist. Nicht umsonst gelten wir als „christliches Hinterland“. Hinterland ist dabei bei weitem nicht mit Rückschritt oder Zurückgebliebenheit zu verbinden. Es ist eher damit verbunden, dass hier die Gemeinden geographisch weit auseinanderliegen, sich aber dennoch auf die christlichen Werte besinnen und hier noch Tradition gelebt wird. Allein dies zeigt, dass hier Potenzial vorhanden ist, es aber auch an Pflege und Unterstützung braucht.

Die Nachricht über den Abzug unserer beiden Pfarrer hat uns mehr als schockiert. Das „christliche Hinterland“ ist nicht mit Stadt oder Stadtkreis zu vergleichen, Maßstab sind bei uns keine Zahlen, hier kommt es auf das Miteinander an, auf die Menschlichkeit und Zuwendung. Das gilt für Kommunen, Vereine und letztlich auch für die Kirche samt ihrer Gemeindeteams. Wir sind angehalten aufeinander zuzugehen und gemeinsam für eine Sache einzustehen.

Zugegeben, dieses Engagement ist in den letzten Jahren auch bei uns spürbar zurückgegangen, auch vor unserer Haustüre macht der Demographische Wandel keinen Halt, die Kirchenbesucherzahlen können sich in Relation zu der Einwohnerdichte dennoch sehen lassen. Die potentielle Reduzierung auf einen statt bisher zwei Pfarrer ist dabei das falsche Signal, hier braucht es Vermittler, hier braucht es Beistand, hier braucht es Zuwendung um bereitwilligen ehrenamtlichen Helfern hauptamtlich geistige Stützen zu geben.

Wo früher zwei waren soll künftig nur noch einer sein, das bedeutet im Klartext, dass sich auch die abgehaltenen Gottesdienste halbieren, dass künftig ein Pfarrer für Verwaltung und Geistliches gleichzeitig zuständig ist. Das ist ein herber Schlag, dadurch befürchten wir auf lange Sicht einen Verdruss und einen spürbaren Rückgang der Bereitwilligen am Wort Jesu teilzuhaben.

Der Ansatz, die wegfallenden Euchristiefeiern durch Wortgottesfeiern oder Kreuzwege zu ersetzen wird in unserer Seelsorgeeinheit bereits heute intensiv gelebt. Es ist in den vergangenen Jahren auch gelungen, einige junge Menschen für den Lektorendienst zu gewinnen. Künftig aber mehr Gottesdienste selbst zu gestalten bringt auf Dauer eine Überstrapazierung des Ehrenamts mit sich.

Um nochmals auf die Geographie der Seelsorgeeinheit zu kommen stellt es einem einzelnen Pfarrer große Probleme dar, das Gebiet mit der Feier von Heiligen Messen abzudecken. Von Rosenberg (östlich) nach Großeicholzheim (westlich) muss eine halbe Stunde Fahrzeit (Strecke von 30km) ohne wetterbedingte Störungen eingeplant werden. Zeit, nach dem Gottesdienst, für die Pflege der zwischenmenschlichen Ebene bleibt dabei nicht; ein einzelner Pfarrer wird unter stetigem Zeitdruck stehen.

Wir sehen es als äußerst problematisch, die Seelsorgeeinheit künftig mit regelmäßigen Gottesdiensten abdecken zu können. Wir haben Angst, dass sich der Ausdruck „christliches Hinterland“ wörtlich genommen bewahrheitet, dass wir abgehängt und vergessen werden, dass ehrenamtliches Engagement in den Gemeinden zur Überforderung wird und dass aktives Christsein immer seltener ausgeübt werden kann. Im ländlichen Raum braucht es Pfarrer, die es im städtischen Gebiet durchaus in Überzahl gibt, wir hoffen dabei auf eine faire Berücksichtigung unterschiedlicher Faktoren (bspw. wie ausgeführt einen Flächenfaktor) nicht nur eine reduzierende Zuteilung nach Anzahl der Katholiken. Weiterhin wollen wir den demographischen Wandel nochmals erwähnen, nicht jeder Christ ist derartig mobil um weite Strecken bis zum nächsten Gottesdienst zu überbücken.

Ein klares unterstützendes Signal würde uns helfen auf die neue Pastoral 2030 zu fokussieren, ganz entsprechend unserer Pastoral Konzeption mit den Grundfunktionen Diakonie, Verkündigung und Liturgie.

Viele Grüße
i.A. des gesamten Pfarrgemeinderats
gez. Dipl.-Ing. Andreas Reize
Vorsitzender des Pfarrgemeinderats der kath. Kirchengemeinde Adelsheim-Osterburken-Seckach

Hinweis:  Dieser offene Brief wurde von allen weiteren Mitgliedern des Pfarrgemeinderats sowie insgesamt 250 in versch. Bereichen aktiven Gemeindemitgliedern unterzeichnet, bevor er an die Erzdiözese nach Freiburg verschickt wurde

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