75 Jahre Kinder- und Jugenddorf Klinge

75 Jahre Kinder- und Jugenddorf Klinge
75 Jahre Kinder- und Jugenddorf Klinge

(Foto: Liane Merkle)

Ein Ort der Begegnung und der Möglichkeiten

Seckach. (lm) Mit einem Zitat des Gründervaters, Pfarrer Heinrich Magnani, hatte Landrat Dr. Achim Brötel seine Festrede zum 75-jährigen Jubiläum des Kinder- und Jugenddorfes Klinge überschrieben: „Die Welt ist voller Not und voller Möglichkeiten, sie zu überwinden!“

Wie der Verlauf des Festakts in der voll besetzten Klinge-Kirche St. Bernhard zeigte, sind die Verantwortlichen noch immer so innovativ im Kampf gegen die Not wie der Dorfgründer: Sie öffnen sich nach außen, gehen Kooperationen ein und räumen den ihnen anvertrauten Kindern ein großes Mitspracherecht ein.

Das Kinder- und Jugenddorf Klinge als lebendige Gemeinschaft

Das Kinder- und Jugenddorf Klinge ist ein richtiges Dorf – mit Kindergarten, Schule, Kirche, großem Spielplatz, Café und vielen Freizeiteinrichtungen. Denn für die Erziehung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf.

Diesen Punkt hob Juliane Rath vom Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit besonders lobend hervor. Es gab sogar die Empfehlung an Dorfleiter und Vorstand Alexander Gerstlauer, sich zum Ortsvorsteher dieses bisher inoffiziell vierten Seckacher Ortsteils ernennen zu lassen. Ein Vorschlag, der ihn zum Schmunzeln brachte.

Nach dem sehr konzentrierten ökumenischen Gottesdienst mit den Pfarrern Frederik Reith und Kurt Wolf sowie Dekan Ingolf Stromberger und dem gemeinsam gesungenen Lied „Wir feiern heut ein Fest“ begrüßte Gerstlauer die honorige Festgesellschaft.

Unter den Gästen waren neben dem bereits erwähnten Landrat auch MdL Peter Hauk, die Ehrenbürger und Bürgermeister im Ruhestand Ekkehard Brand und Thomas Ludwig – beide aktiv im Aufsichtsrat des Klinge e.V. –, Bürgermeister David Ackermann sowie der Bürgermeister der italienischen Partnergemeinde Gazzada Schianno, Stefano Frattini, mit seinem Amtsvorgänger Alfonso Minonzio.

Extra vom Bodensee angereist war der ehemalige Dorfleiter Dr. Johann Cassar. Mit von der Partie waren auch sein Amtsnachfolger Georg Parstorfer sowie Vertreter des Ministeriums, des Kommunalverbands und der Kooperationspartner Kinderheim Nazareth in Sigmaringen, Berufsbildungswerk Mosbach und Justizvollzugsanstalt Adelsheim. Alle waren von der wichtigen und besonderen Arbeit in der Klinge begeistert und inspiriert. In den vergangenen 75 Jahren hat sich das Kinder- und Jugenddorf immer weiter zu einem Vorbild für andere entwickelt.

Von der Anlaufstelle für Vertriebene zum Kinderdorf

Der Trägerverein „Kinder- und Jugenddorf Klinge e.V.“ wurde am 13. Februar 1951 gegründet. Die Geschichte der Klinge reicht jedoch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zurück. Damals entstand in den Baracken im Unterdorf ein zentrales Auffanglager für Kriegsvertriebene aus Osteuropa.

Pfarrer Heinrich Magnani, damals Pfarrer in Hettingen und Caritasdirektor im Altkreis Buchen, gelang es, dort einen Ort zu schaffen, an dem von 1945 bis 1947 täglich rund 1.000 Flüchtlinge ankommen und erstversorgt werden konnten. Von hier aus entwickelte sich über die Jahre das Kinderdorf.

Dies gelang dem tatkräftigen Pfarrer Magnani und den ihm folgenden Dorfleitern mit Hilfe überaus engagierter, verlässlicher, verantwortungsbewusster und empathischer Mitarbeitender, mit Kooperationspartnern wie dem Neckar-Odenwald-Kreis – Hauptbeleger, Fürsprecher und Mieter von Gebäuden für Flüchtlinge und unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) –, der unterstützenden Gemeinde Seckach sowie zahlreichen Sponsoren.

Trotz aller, leider auch zunehmenden bürokratischen Schwierigkeiten setzt man in der Jugendhilfeeinrichtung auf Flexibilität und ein lebendiges Dorfleben. Hinzu kommen fachlich hervorragend qualifizierte Mitarbeitende, die permanente Sanierung und Modernisierung der Gebäude, psychologische Betreuung in Kindergarten und Schule sowie ein großes Angebot an Freizeitaktivitäten, darunter das neu konzipierte Programm „Gipfelstürmer“.

Die Aussagen des schwungvollen Klinge-Liedes gelten nach wie vor: „Die Klinge ist das Tor zum Leben, das allen Menschen offen steht. Zusammenhalt betont man hier, denn niemand bleibt bei uns ein Fremder!“ Wie die Mitarbeitenden diese Werte umsetzen, zeigten Julia Flath und Christa Parstorfer gemeinsam mit einer kleinen Kinder-Theatergruppe auf sehr unterhaltsame Weise. Dabei wurden der ernst genommene Bildungsauftrag und die enorme Unterstützung des Internationalen Bauordens in den Anfangsjahren deutlich.

Landrat Brötel würdigt die Arbeit der Klinge

Dr. Brötel ging in seiner gewohnt kurzweiligen Festrede auf die große Wertschätzung für die Klinge ein, die ihr die Gemeinde, der Neckar-Odenwald-Kreis, die Kirchen, Vereine, Unternehmen und zahlreiche ehrenamtliche Unterstützer entgegenbringen. „Ein Ort zum Leben – ein Ort der Begegnung, und wir sind froh und dankbar, dass es diese segensreiche Einrichtung gibt und dass es sie vor allem ausgerechnet hier bei uns gibt.“

Mit dem Zitat „Die Welt ist voller Not und voller Möglichkeiten, sie zu überwinden“ ging der Landrat auch auf die positive Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland seit der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ein. Die Klinge sei dieser Entwicklung von Anfang an weit voraus gewesen.

Grausame und unglaubliche Beispiele von Kindesmisshandlungen und -vernachlässigungen sowie politisch motivierte Disziplinierungsmaßnahmen in Kinderheimen hätten dem vorrangigen Kindeswohl leider erst spät und langsam Platz gemacht.

Ein beispielgebender Vorreiter sei seit seiner Gründung die Klinge gewesen. Ab Ende Februar 1946 nutzte die Caritas das Gelände als Durchgangslager für Heimatvertriebene, Aussiedler und Kriegswaisen. Neben Neckarzimmern wurde es zum zweiten großen Eingangstor für Heimatvertriebene und Flüchtlinge im Neckar-Odenwald-Kreis.

„Der ebenso charismatische wie beharrlich zupackende katholische Pfarrer Heinrich Magnani hat getreu seinem Grundsatz ‚Herunter von der Kanzel, hinein in die Not‘ die Initiative ergriffen und sich nach Abebben des Flüchtlingsstroms verstärkt um Kinder und junge Menschen gekümmert.

Viele waren durch Krieg, Flucht und Vertreibung von ihren Eltern getrennt, zu Waisen geworden, ohne dauerhaftes Zuhause, unzureichend versorgt, ohne regelmäßige Schulbildung und vor allem auch ohne eine verlässliche Zukunftsperspektive.“

Sein Kraftakt ermöglichte zwischen 1955 und 1960 den Bau der ersten Kinderdorfhäuser. Dort leben Kinder und Jugendliche bis heute in familienähnlichen Wohnformen – gemeinsam mit pädagogischen Fachkräften und unter Mitbestimmung der Kinder.

Damit unterscheidet sich das Konzept deutlich von anderen Formen der Fürsorge und Heimerziehung. Auch die St.-Bernhard-Schule hat das Prinzip „Autorität durch Beziehung“ ausdrücklich zur konzeptionellen Grundlage gewählt und unterstützt damit die persönliche Entwicklung der Kinder.

Doch die Klinge blieb nicht „unter sich“, sondern öffnete sich auch für Flüchtlingskinder aus Vietnam in den 1970er-Jahren und leistete Segensreiches für die Kinder der „Cap Anamur“. Zudem übernahm sie erneut eine Vorbildfunktion für das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz, das eine individuelle Planung und die Zusammenarbeit mit den Familien vorsieht.

Die freiwillig geschlossene Qualitätsentwicklungsvereinbarung des Kinder- und Jugenddorfes Klinge und des Erzbischöflichen Kinderheims St. Kilian in Walldürn sieht für den Neckar-Odenwald-Kreis den Ausbau von Schutzkonzepten, Qualitätsstandards und Dokumentationen, die weitere Professionalisierung der Fachkräfte sowie eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern, Schulen, Medizin und Justiz vor.

Moderne Wohnformen und Unterstützung über den Auszug hinaus

Die Herausforderungen werden sicher größer, doch in der Klinge hält man trotz des Fachkräftemangels Schritt. Dazu tragen baulich zeitgemäße Wohnbedingungen, eine moderne, mehrfach preisgekrönte Architektur und der nachhaltige Baustoff Holz bei.

Der Klinge wird also auch in Zukunft nicht langweilig werden: Aktuell bietet sie 136 Plätze in 17 Gruppen sowie 21 Plätze in drei Jugendwohngruppen in Mosbach und Heidelberg. Deren Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von Selbstständigkeit zur Bewältigung des Alltags.

Wie in echten Familien gibt es im „Ring der Ehemaligen“ auch nach dem Verlassen der Einrichtung bei Bedarf personenbezogene Hilfestellung. „Die Welt ist voller Not und voller Möglichkeiten, sie zu überwinden. Das Kinder- und Jugenddorf Klinge hat es uns doch vorgemacht. Was hindert uns also, diesem Beispiel auch gesamtstaatlich zu folgen?“, so der Landrat.

In gleicher Weise lobten Daniel Hahn, Leiter des Erzbischöflichen Kinderheims Haus Nazareth in Sigmaringen, sowie Katja Fritsche, Leiterin der JVA Adelsheim, die Arbeit der Klinge. Beide schätzen die Kooperation bei der Erziehungsarbeit und Mitarbeiterausbildung sehr und wünschen sich ein „Weiter so“ – durchaus im Bewusstsein des Bürokratiedschungels und des Fachkräftemangels.

Bürgermeister Ackermann hob hervor, dass Gebäude und Angebote nichts wären ohne die Menschen, die tagtäglich ihr Bestes geben und Verantwortung übernehmen: „Ihnen gilt unser Dank und unsere Anerkennung. Die Klinge ist eine Einrichtung für die ganze Region, aber wir sind froh, dass sie als gefühlt vierter Ortsteil in Seckach zu Hause ist.“

Geschichts- und Begegnungshaus macht die Vergangenheit erlebbar

Die Geschichte der Klinge wird ab sofort im Geschichts- und Begegnungshaus in „St. Raphael“ für alle Interessierten erlebbar sein. Möglich wurde die Einrichtung durch Adalbert Hauck und Georg Parstorfer.

Grundlage dafür waren die umfangreichen Fotosammlungen und Berichte in der Klinge-Zeitung des profunden Klinge-Chronisten Peter Schmackeit. Allen dreien wurde dafür mit einem Präsent gedankt.

Adalbert Hauck nannte das Projekt ein riesig großes Mosaik, dessen Zusammensetzung nur mithilfe von Peter Schmackeit möglich gewesen sei, das aber noch lange nicht vollständig sei.

Den edlen und ansprechenden musikalischen Rahmen gestalteten Nikola Irmai-Koppányi und István Koppányi, Leiter der Musikschule Bauland, mit schwungvollen Beiträgen am Klavier. Außerdem trug der Schulchor der St.-Bernhard-Schule unter der Leitung von Christa Parstorfer das Lied „Hallo Du, hör mal zu, es ist schön, dich heute zu sehen“ vor. Ein Häppchenbüfett aus der Küche der JVA rundete das große Festbankett harmonisch ab.

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