Grünschnitt erhitzt die Gemüter

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(Foto: pm)
Lauda-Königshofen.  (pm) Grünland gehört zu den artenreichsten Lebensräumen der Region. Durch regelmäßige Pflege und Mahd werden Wiesen und Weiden als Biotop für Tiere und Pflanzen bewahrt, ohne dass die Flächen mehr und mehr von Sträuchern überwuchert werden.

Der Bauhof der Stadt Lauda-Königshofen ist derzeit vielerorts mit modernen Mähfahrzeugen im Einsatz und setzt sich für eine umweltgerechte Bewirtschaftung ein. Doch die Meinungen über die richtige Vorgehensweise gehen weit auseinander. Häufig sind die Mitarbeiter daher wüsten Beschimpfungen ausgesetzt.

Wer mit der Landwirtschaft aufgewachsen ist, für den ist die „Mahd“ ein fester Begriff. Darunter versteht man das Mähen von Grünflächen als wichtige Voraussetzung für eine ökologisch orientierte Grünlandpflege. Verzichtet man dabei – so wie in Lauda-Königshofen – auf den Einsatz von Dünger oder giftigen Substanzen, bieten sich beste Voraussetzungen, um Wiesenkräuter und Wildblumen in ihrem natürlichen Reichtum zu erhalten. Und genau diese locken wiederum Bienen und Insekten an, die für die hiesige Kulturlandschaft unverzichtbar sind.

Wird extensiv bewirtschaftetes Grünland stattdessen zu häufig gedüngt oder geschnitten, werden auch Flora und Fauna massiv zurückgedrängt oder verschwinden sogar ganz. Wie so oft kommt es also auf die richtige Mischung an: Wer die Natur in ihrer Artenvielfalt erhalten möchte, muss Grünflächen regelmäßig – etwa ein bis zwei Mal pro Jahr – einem Schnitt unterziehen. Dieser Leitgedanke einer nachhaltig orientierten Grünlandwirtschaft wird vom Bauhof der Stadt Lauda-Königshofen aktiv verwirklicht. Doch das Thema erhitzt die Gemüter.

Die Mischung macht den Unterschied

Dass der Grünschnitt ein durchaus emotionsgeladenes Thema ist, muss das Team des Bauhofs derzeit häufig feststellen. So wurde einem Mitarbeiter des Mähtrupps kürzlich mitgeteilt, dass eine städtische Grünfläche aus Gründen des Insektenschutzes bitte keinesfalls gemäht werden sollte. Kurze Zeit später sagte eine andere Person, dass es langsam Zeit sei, eben diese Fläche unbedingt zu mähen – aus Gründen der Verkehrsübersicht.

Anhand dieser Anekdote lässt sich erahnen, vor welcher Herausforderung die Bauhofmitarbeiter täglich stehen. „Man kann es nicht allen Recht machen“, beklagt ein Mitarbeiter des Mähtrupps, der bei seiner täglichen Arbeit häufig wüsten Beschimpfungen ausgesetzt ist. „Dem einen wird zu selten gemäht, dem anderen zu oft“ – wobei die Beschwerden über zu seltenes Mähen deutlich überwögen, so der Vertreter aus dem Bauhofteam.

„Dass jeder meint, es besser zu wissen, und die Meinungen weit auseinander gehen, erschwert die Prozedur. An manchen Tagen ist man mehr mit Diskutieren als mit der eigentlichen Arbeit beschäftigt. Das ist schade, weil wir uns alle für ein schönes Stadtbild einsetzen und beide Aspekte berücksichtigen möchten – einerseits die Verkehrssicherheit und die positiven Einflüsse des Mähens auf die Bewahrung der Natur in seiner ganzen Vielfalt und andererseits der dazu notwendige Eingriff mit der Sense. Das eine befruchtet das andere, daher ergänzen sich Mähen und Stehenlassen“, erläutert der Mäher, der dankbar ist, dass das Thema jetzt öffentlich aufgegriffen wird.

Direkter Kontakt zur Stadtverwaltung
„Dass Mitarbeiter des Bauhofs verbal angegangen werden, geht gar nicht“, stellt Bürgermeister Dr. Lukas Braun klar. Das Stadtoberhaupt verweist auf die Einhaltung der guten Umgangsformen und bittet darum, bei Rückfragen den direkten Kontakt mit der Stadtverwaltung zu suchen, anstatt den Mähtrupp in eine Debatte zu verwickeln, die man ohnehin nicht grundsätzlich abhandeln kann. Durch solche Diskussionen würden die Mitarbeiter nur noch mehr ausgebremst und die Arbeit bliebe an anderer Stelle liegen.

Denn tatsächlich gibt es viele gute Gründe für die Mahd, also die regelmäßige Grünpflege auf kommunalen Flächen, wie die Stadtverwaltung nachfolgend erörtert. So ist es wichtig, Sichtbereiche in Verkehrsräumen und an Kreuzungen freizuhalten, denn überhängendes Gras ist eine Behinderung auf Gehsteig und Fahrbahn und kann die Sicht teils massiv einschränken. Gerade Kinder, die im Randbereich einer ungemähten Wiese umherlaufen, sind oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen.

Weiterhin steigt das Aufkommen von Müll und Hundekot, je höher das Gras wächst. Auch um die Ausbreitung invasiver Pflanzen (also Pflanzen, die andere Arten verdrängen) wie der Zackenschote zu stoppen, ist das Mähen unverzichtbar. Ebenso bei Brandgefahr, beispielsweise durch weggeworfene Zigaretten im hohen, trockenen Gras. Auch an Spielplätzen und anderen öffentlichen Bereichen liegt das Mähgut bei zu seltenem Mähintervall zu dick auf den Flächen und verrottet somit zu langsam, von der erhöhten Zeckengefahr ganz zu schweigen.

Viele Pflanzen blühen zudem mehrmals, wenn sie nach der Blüte gemäht werden und neu austreiben. Zudem helfen unterschiedliche Mähzeitpunkte den Insekten, Ausweichmöglichkeiten und ein verlängertes Nahrungsangebot zu finden. Hinzu kommen Sicherheitsaspekte: So müssen die Einlaufbecken, zum Beispiel von Wassergräben, gemulcht sein, sodass bei einem Starkregenereignis das Wasser ungehindert ablaufen kann.

Andererseits spricht manches dafür, Grünflächen bewusst nicht zu mähen. So bietet die volle Blüte von Kräutern vielen Insekten Nahrung und einen Rückzugsort. Die Wildblumen sollen sich dann aussamen, um sich zu verbreiten und sich fortzupflanzen. Auch der Schutz des Erdbodens vor Erosion und direkter Sonneneinstrahlung ist ein wichtiger Aspekt. Bereits jetzt führt der Bauhof teilweise eine sogenannte Streifenmahd durch.

Das bedeutet, dass bewusst Gras und Kräuter stehengelassen werden, sodass das Nahrungsangebot für Insekten nicht auf Anhieb verloren geht und Rückzugsorte zur Überwinterung zur Verfügung stehen. Daneben gibt es auch ganz pragmatische Gründe – etwa, dass Personal und Maschinen nur begrenzt zur Verfügung stehen oder weil es Vorgaben gibt, dass Flächen erst nach einem bestimmten Stichtag gemäht werden dürfen.

Mähen oder stehen lassen?

Um den Mähvorgang durchzuführen, sind insgesamt fünf Mitarbeiter mit handgeführten Rasenmähern sowie Motorsensen, sowie zwei Kleintraktoren und einem Großtraktor für Wegränder im Einsatz. Hinzu kommen zwei Personen, die das Grün mit Rasenmähern und Motorsensen zurückschneiden.

Der Mähtrupp entscheidet individuell vor Ort, ob eine vorgesehene Fläche gemäht wird oder ob – zum Beispiel, wenn viele verschiedene Kräuter darauf blühen – auf die Mahd verzichtet und das Gras bis zum nächsten Mähintervall stehen gelassen wird, sodass für die Insekten weiterhin ein Nahrungsangebot zur Verfügung steht.

Vielerorts mähen Landwirte oder Privatpersonen auch eigenständig Wegränder und Wiese, ohne dass die Stadt hiervon Notiz nimmt. Dies kommt sehr häufig vor, da sich ansonsten Gräser und Wildkräuter vom Wegesrand in die intensiv bewirtschafteten Flächen der Landwirte aussamen.

Was lässt sich daraus folgern? Die Stadt Lauda-Königshofen möchte mit diesem Beitrag anregen, sich über den Kreislauf der Natur in seiner ganzen Komplexität näher zu befassen. Man will vermitteln, dass es in diesem Fall kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-als-auch gibt. Weder das Mähen noch das Nichtmähen von Grünflächen begünstigt die Erhaltung und das Gedeihen der regionalen Kulturlandschaft.

Weiterhin müssen die Mäharbeiten mit dem sehr begrenzten Gärtnerteam zeitgleich mit vielen weiteren Tätigkeiten in Einklang kommen. Wie so oft im Leben kommt es auf die richtige Mischung an. Und im Falle der wüsten Beschimpfungen der Bauhofmitarbeiter mitunter auch auf den richtigen Ton.

Einen Tipp hat Bürgermeister Dr. Lukas Braun abschließend noch parat: „Jeder, der sich am Abmähen von Grünflächen stört, kann zuhause in seinem Vorgarten selbst einen Beitrag zum Naturschutz leisten: Das Anlegen einer Blühfläche kostet nur wenige Cent für eine Tüte Blumensamen und sorgt für einen schönen Farbtupfer. Gegenüber einem ökologisch toten Schottergarten ist das eine willkommene bienenfreundliche Alternative. Naturschutz beginnt vor der eigenen Haustür“, ist das Stadtoberhaupt überzeugt.

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